Kerstin Mey, Interdisziplinarität, Multidisziplinarität und Transdisziplinarität

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Teil 1, 25.08.2010

Inter-, Multi- and Transdisziplinarität zirkulieren alle um den zentralen Begriff der Disziplin bzw. desjenigen Fachgebietes, das zentral für das traditionelle Wissenschaftskonzept steht und sich durch einen klar umrissenen Untersuchungsgegenstand und eine bestimmte Methodologie und Untersuchungsinstrumente auszeichnet. Gegenwärtig ist eine Ablösung des Wissenschaftsbegriffs durch den Begriff der Forschung zu verzeichnen. Wie Bruno Latour feststellt, ist dies ein offenes, ungewisses und kollektives Experimentieren, das häufig von ökonomische Interessen gesteuert wird.

Interdisziplinarität ist nicht das Ergebnis oder markiert einen festgelegten Platz innerhalb der Wissensproduktion. Sie definiert einen dynamischen Raum zwischen den traditionellen Disziplinen, ihren Perspektiven und Werten. Es handelt sich um den Prozess eines sinnvollen Experimentierens, bei dem Konzepte und Methoden von zwei oder mehr Fachgebieten und ihren spezifischen Kontexten zusammengebracht werden, um einen Untersuchungsgegenstand zu beleuchten und ihn neu zu betrachten. Daraus folgen Synthese und Integration von Erkenntnissen aus unterschiedlichen Gebieten. Ein neues Ganzes entsteht, das seine ursprünglichen Bestandteile sichtbar hält. Die Interdisziplinarität reicht heute in die Hybridität hinein. Sie bildet das Gegengewicht zur Überspezialisierung und Fragmentierung des Erkenntnisprozesses. Was einst interdisziplinär begonnen hat, ist heute als Disziplin anerkannt, wie die Genderstudies, Medienstudies, die cultural studies, die Neuroscience etc.
Die Künste arbeiten schon lange fachübergreifend und absorbieren die unterschiedlichen Einflüsse von aussen: von den Wissenschaften, der Soziologie, der Politik, der Ökonomie u.a. Die Wissenschaften setzen sich verstärkt mit dem Naturschönen auseinander: von der mathematischen Ästhetik eines Keplers zur gegenwärtigen Rolle der Nano- und Molekularästhetiken.

Die Betrachtung zur Multidisziplinarität, Transdisziplinarität folgt in Teil 2.

René Crettol, Science meets Art

25.08.2010

Beschreibung der inneren Abläufe. Ein Versuch der Erfassung in Worte durch René Crettol.

Durch das Sein mit Künstlern steigt der Wissenschaftler für eine Zeit aus dem zielgerichteten Arbeiten an seinem Thema aus und begibt sich in die Domäne der Künste. Um sich mit dem kreativen Prozess zu entspannen. Sich selbst und seine Arbeit in diesem Rahmen zu hinterfragen um neu ausgerichtet und sich danach inspiriert seiner Wissenschaft wieder zu zuwenden. Befruchtet um andersartige Ansätze, bereichert um die Erfahrung des Kunstschaffens, welches auch sinnlos sein darf. (Aus eigener Erfahrung kenne ich den inneren Zwang des Sinvollen und den Bewertungsdruck durch Nützlichkeit.)

ODER AUCH:
Der Wissenschaftler hat ein Thema, das er erforscht, aus einem inneren Antrieb heraus (bestenfalls ), um Erkenntnisse zu machen, die ihm helfen, seine Fragen zu beantworten. Dieser Komplex der Erkenntnisse kann einem Künstler übergeben werden, um auch den Künstler zu inspirieren. Die Inhalte der wissenschaftlichen Erkenntnis durch die Arbeit des Künstlers an die Menschheit zu übermitteln und so das Wissen auf vielschichtige Art publik zu machen. So dass es vom Volk erfasst werden kann. Dies meint: ein Kunstwerk zu schaffen, das auch ein Lehrstück ist. Das Kunstwerk erzeugt im Betrachter die Frage UND unterstützt ihn nachfolgend bei der Beantwortung. So kann der Betrachter den Erkenntnisschritt des Wissenschaftlers nachvollziehen und lernen! Der Künstler kann auch die Werkzeuge und Techniken des Wissenschaftlers für seine Kunst verwenden. Hi-Tec Kunst. Der Wissenschaftler und Künstler können auch in einer Person vereinigt sein -> Universalgenies wie Leonardo da Vinci. Gegenseitige Bereicherung : Das Ausgerichtetsein des Wissenschaftlers auf weltliche Dinge, kann dem Ungebundenensein des Künstlers Erdung geben.

Anmerkung : Ja ich bin mir bewusst damit ein Stereotyp aufzugreifen, doch kann darin ein Funken Wahrheit liegen. Denn die Künste wollen sich doch auch bewusst von der Schwere der Welt entfernen. Weg vom Profanen. – Um das Unbekannte zu erschliessen, das noch nie Gedachte.

Christof Schmalenbach: … erst kommt das Fressen, dann die Moral

24.08.2010

Bevor wir über die unterschiedlichen Aufassungen, Arbeitsprozesse, Motivationen etc. sprechen, ist zunächst eine Gemeinsamkeit von Wissenschaftler und Künstlern hervorzuheben.
Eine Gemeinsamkeit, die sie mit dem Bäcker und dem Journalisten, mit der Schaffnerin und der Börsenmaklerin teilen: Wir alle haben für die Befriedigung unserer elementaren Lebensbedürfnisse zu sorgen, brauchen gelegentlich einen neuen Kühlschrank, eine Zahnwurzelbehandlung oder eine Erstaustattung zur Einschulung der Tochter oder des Sohnes. Natürlich ist das eine Binsenweisheit, aus der sich aber wesentliche Implikationen und Fragen ergeben.

Wir leben nicht in einer Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. Wenn also unsere Tätigkeiten zu einem erheblichen Teil reproduktiven Zwecken dienen müssen, so sind sie auch eine Ware, müssen feilgeboten werden und geraten damit potentiell in einen Konflikt mit unserem Selbsverständnis. Es dürften jene die absolute Ausnahme sein, die vollständig Beruf & Berufung „unter einen Hut“ bringen können. Die Kassiererin im Supermarkt wird sich vermutlich damit abfinden können, dass ihr Erwerb des Lebensunterhaltes vollständig von den Aktivitäten getrennt ist, die ihr einen Daseinssinn eröffnen. Jemand der in einem der sogenannten Kreativberufen arbeitet, tut sich da schon schwerer.

Hierzu ein schönes Beispiel (habe ich vor zwei Wochen im Spiegel gelesen) Procter & Gamble beschäftigt zur Weiterentwicklung der Pampers 350 (in Worten dreihundertfünfzig) Chemiker, Biochemiker, Ingenieure, Mediziner und Materialwissenschaftler (jeder Vierte mit Doktortitel). Ob sich diese Wissenschaftler zur Zeit ihres Abiturs haben vorstellen können, einst einen Windel-Saugkern patentieren zu lassen, der Nässe bis zu zwölf Stunden einschliesst?
Die Künstler sollten sich aber mit Schadenfreude zurückhalten, schliesslich trägt ja auch jemand die Verantwortung für die Farb- und Formgestaltung der Windel.

Fragen in diesem Zusammenhang:
1. Nach welchen Kriterien lässt sich eine legitime Nutzung von W&K von der Vereinahmung unterscheiden? (in Wirtschaft, Politik, etc.)
2. Sind diese Kriterien für die Wissenschaft andere als für die Kunst?
3. Welchen Anspruch haben Künstler und Wissenschaftler auf eine Förderung zweckungebundenen Wirkens?
4. Wie legitimiert sich ein solcher Anspruch?

Und noch eine kleine Provokation:

In den Naturwissenschaften wird die Grundlagenforschung auch dann unterstützt, wenn ein unmittelbarer wirtschaftlicher Nutzen nicht erkennbar ist. Das sind dann immer Investitionen in die Zukunft (Potential für innovationen ) und/oder es werden (Stichwort bemannte Mondlandung & Teflonpfanne) positive Seiteneffekte an der Peripherie erwartet. Auch ein Sportfunktionär kann seine Forderungen nach finanzieller Unterstützung mit seinem Beitrag für die allgemeine „Volksgesundheit“ begründen. Wie rechtfertigen Künstler ihren Anspruch auf Förderung – was ist das „Give Back“? Oder vice versa: Wenn man davon ausgeht, dass Ästhetik ein elementares Bedürnis des Menschen ist und der Natur per se eine Ästhetik innewohnt, müssten sich Künstler dann nicht auch für eine Förderung der Naturwissenschaften frei von wirtschaftlichen Zwecken einsetzen?

Nach meiner Wahrnehmung ist die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Domänen der jeweils anderen „Zunft“ bei Wissenschaftlern ungleich stärker ausgeprägt/etabliert als bei Künstlern. Um es profan auszudrücken: Jeder mir bekannte Wissenschaftler, besucht Kunstausstellungen und verfügt über eine Sammlung klassischer/Jazz/Blues Musik.
Aber welcher Künstler hat z.B. eine Einführung in die spezielle Relativitätstheorie Einsteins im Bücherschrank stehen?

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