Christof Schmalenbach: … erst kommt das Fressen, dann die Moral

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24.08.2010

Bevor wir über die unterschiedlichen Aufassungen, Arbeitsprozesse, Motivationen etc. sprechen, ist zunächst eine Gemeinsamkeit von Wissenschaftler und Künstlern hervorzuheben.
Eine Gemeinsamkeit, die sie mit dem Bäcker und dem Journalisten, mit der Schaffnerin und der Börsenmaklerin teilen: Wir alle haben für die Befriedigung unserer elementaren Lebensbedürfnisse zu sorgen, brauchen gelegentlich einen neuen Kühlschrank, eine Zahnwurzelbehandlung oder eine Erstaustattung zur Einschulung der Tochter oder des Sohnes. Natürlich ist das eine Binsenweisheit, aus der sich aber wesentliche Implikationen und Fragen ergeben.

Wir leben nicht in einer Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. Wenn also unsere Tätigkeiten zu einem erheblichen Teil reproduktiven Zwecken dienen müssen, so sind sie auch eine Ware, müssen feilgeboten werden und geraten damit potentiell in einen Konflikt mit unserem Selbsverständnis. Es dürften jene die absolute Ausnahme sein, die vollständig Beruf & Berufung „unter einen Hut“ bringen können. Die Kassiererin im Supermarkt wird sich vermutlich damit abfinden können, dass ihr Erwerb des Lebensunterhaltes vollständig von den Aktivitäten getrennt ist, die ihr einen Daseinssinn eröffnen. Jemand der in einem der sogenannten Kreativberufen arbeitet, tut sich da schon schwerer.

Hierzu ein schönes Beispiel (habe ich vor zwei Wochen im Spiegel gelesen) Procter & Gamble beschäftigt zur Weiterentwicklung der Pampers 350 (in Worten dreihundertfünfzig) Chemiker, Biochemiker, Ingenieure, Mediziner und Materialwissenschaftler (jeder Vierte mit Doktortitel). Ob sich diese Wissenschaftler zur Zeit ihres Abiturs haben vorstellen können, einst einen Windel-Saugkern patentieren zu lassen, der Nässe bis zu zwölf Stunden einschliesst?
Die Künstler sollten sich aber mit Schadenfreude zurückhalten, schliesslich trägt ja auch jemand die Verantwortung für die Farb- und Formgestaltung der Windel.

Fragen in diesem Zusammenhang:
1. Nach welchen Kriterien lässt sich eine legitime Nutzung von W&K von der Vereinahmung unterscheiden? (in Wirtschaft, Politik, etc.)
2. Sind diese Kriterien für die Wissenschaft andere als für die Kunst?
3. Welchen Anspruch haben Künstler und Wissenschaftler auf eine Förderung zweckungebundenen Wirkens?
4. Wie legitimiert sich ein solcher Anspruch?

Und noch eine kleine Provokation:

In den Naturwissenschaften wird die Grundlagenforschung auch dann unterstützt, wenn ein unmittelbarer wirtschaftlicher Nutzen nicht erkennbar ist. Das sind dann immer Investitionen in die Zukunft (Potential für innovationen ) und/oder es werden (Stichwort bemannte Mondlandung & Teflonpfanne) positive Seiteneffekte an der Peripherie erwartet. Auch ein Sportfunktionär kann seine Forderungen nach finanzieller Unterstützung mit seinem Beitrag für die allgemeine „Volksgesundheit“ begründen. Wie rechtfertigen Künstler ihren Anspruch auf Förderung – was ist das „Give Back“? Oder vice versa: Wenn man davon ausgeht, dass Ästhetik ein elementares Bedürnis des Menschen ist und der Natur per se eine Ästhetik innewohnt, müssten sich Künstler dann nicht auch für eine Förderung der Naturwissenschaften frei von wirtschaftlichen Zwecken einsetzen?

Nach meiner Wahrnehmung ist die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Domänen der jeweils anderen „Zunft“ bei Wissenschaftlern ungleich stärker ausgeprägt/etabliert als bei Künstlern. Um es profan auszudrücken: Jeder mir bekannte Wissenschaftler, besucht Kunstausstellungen und verfügt über eine Sammlung klassischer/Jazz/Blues Musik.
Aber welcher Künstler hat z.B. eine Einführung in die spezielle Relativitätstheorie Einsteins im Bücherschrank stehen?

One Response to “Christof Schmalenbach: … erst kommt das Fressen, dann die Moral”

  1. Rene Crettol sagt:

    Könnte es sein, dass die künste dann zur entfaltung kommen wenn der Mensch satt und sicher ist. Dann möchte er seine zufriedenheit durch die schaffung von etwas das ihm als schön erscheint vertiefen. Die gestaltung seiner umwelt gibt ihm befriedigung.
    (schöne Wohnung, aufgemotztes Auto, Skulptur, Bild, Text, Stätebauliches Konzept, Musikalische Komposition, gemeinsames singen im Chor, die gewaltige Extase beim Sex, Bekleidun oder perfekte Manieren und Geselschaftliches Verhalten)

    Er kann die künste auch nutzen um seiner frustation ausdruck zu verleihen.

    Beidesmal ist die kunst mittel seines ausdruckes.

    Draus könnte die Erkentniss folgen, dass es ein Menschenrecht sein könnte sich kreativ auszudrücken. In folge der Effizienzsteigerung zugunsten der Wirtschaft haben wir nun wenig Zeit-Geld-Raum zur verfügung dies Auszuleben und fühlen uns unerfüllt.

    Für mich sieht es so aus, dass das ausbeuterische Prinzip der kapitalistischen Kultur sehr tief in die Geselschaft eingegriffen hat.

    Das alles mit wirtschaftlichkeit gemessen wird ist ein ausdruck davon.

    Somit hat es auch nachhaltigkeit schwer, weil es nicht teil des ausbeuterischen ist. Ausbeuterische Systeme sind wenig an nachhaltigkeit interessiert. Gewinnsteigerung ist die Maxime.

    Vielleicht gibt diese subjektive sicht, antworten auf die gestellten fragen.

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